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Dienstag, 23. Dezember 2003
Globalisierung
Während sich die Menstruationszyklen der Frauen auf der ganzen Welt synchronisieren, verzehrt jedes Individuum der Massengesellschaft sich danach, in Einzigartigkeit aufzugehen. In Wahrheit aber ist das Originäre rar gesät. Man kann nun die Relativitätstheorie nur einmal zum ersten Mal formulieren, Maggie's Farm singen, Witte roos in glas malen.
Die Knappheit der Ressourcen führt zu einer unbarmherzigen Gleichsetzung von Bohlens Beschreibung seiner großartigen Welt mit Watsons großartigem Bericht über die Entdeckung der Doppelhelix.
Die größte Blüte brachte mir kürzlich ein Bekannter, der seiner Freundin einen Stern zum Geburtstag schenkte. Er hatte sogar dafür bezahlt. Ziemlich am Markt vorbei, denke ich, wenn man überlegt, dass die Anzahl der selbstleuchtenden Himmelskörper unendlich ist...

Vor kurzem näherte ich mich einer Schönheit. Ihr Intellekt war zwar meinem weit überlegen, dennoch konnte ich bei ihr ziemlich gut punkten. Schließlich entstammte auch mein Wissen über die Welt und die Kultur nicht irgendwelchen Trivial-Pursuit-Karten. In ihrer Wohnung, mit ihr allein, arbeitete ich so voller Substanz und Innerlichkeit zu dem vollendeten Moment hin. Eine perfekte Liebeserklärung kann man aber nur mit Neruda. Also begann ich zu deklamieren:

Hungrig bin ich, will deinen Mund deine Stimme, dein Haar,
und durch die Straßen zieh ich ohne Nahrung, schweigend,


Oh Mann, schoss es durch meinen Kopf. War nicht kürzlich dieser Gerichtsprozess mit dem Kannibalen? Hör ja nach der ersten Strophe auf... höre auf...

nicht sättigt mich das Brot, die Frühe lässt mich schwanken,
ich suche den fließenden Klang deiner Schritte am Tag.


Jetzt mach Schluss. Es wird auf gar keinen Fall gut enden. Das nächste Quartett:

Mich hungert nach dem Fehltritt deines Lachens,
nach deinen Händen, von bebender Kornkammer gefärbt,
ich habe Hunger nach der blassen Kuppe deiner Fingernägel,


Der Schweiß tropfte bereits von meiner Nasenspitze hinunter. Das Hemd war unter den Achselhöhlen nass. Ihr weinträger Körper lastete nicht mehr so wohltuend auf meinem Arm...

deine Haut möcht ich essen wie die ungebrochene Mandel.

Den Blitz begehr ich, der sich in deine Schönheit gebrannt,
die souveräne Nase im arroganten Gesicht,
möcht essen den flüchtigen Schatten deiner Wimpern

und hungrig geh ich hin und her, witternd in der Dämmerung,
und wie ein Puma...


Auch das noch. Ihr Körper spannte sich. Nein. Gott, lass dies bitte einen jenen Alpträume sein...

...in der Einsamkeit von Quitratúe
suche ich dein brennendes Herz.


Da sie eine sehr kluge Frau ist, ließ sie sich nicht von dem Kitsch irritieren und den Tagesereignissen beeindrucken. Heute Abend werde ich sie treffen. Wie versprochen, werde ich ihr die spanische Originalfassung vortragen.

Was hat es aber mit den Anfangszeilen dieses Artikel auf sich? Gar nichts. Es hört sich nur gut an...


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